
Leonore Boeckl (1935 – 2017)
Das Wiener Kulturleben trauert um Prof. Leonore Boeckl, die im Juli 2017 im Alter von 82 Jahren verstorben ist. Als Kunsthistorikerin, Galeristin und Nachlassverwalterin prägte sie die österreichische Kunstszene der Nachkriegszeit entscheidend mit.
Leonore Boeckl wurde im September 1935 als Tochter des großen österreichischen Malers der Moderne, Herbert Boeckl, und dessen Ehefrau Maria in Wien geboren. Nach ihrer Matura am Gymnasium Rahlgasse studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Wien und schloss das Studium als Magistra ab. Ihr fundiertes Wissen nutzte sie für die exakte Aufarbeitung der österreichischen Moderne: Im Jahr 1976 veröffentlichte sie gemeinsam mit Hofrat Dr. Gerbert Frodl das wissenschaftliche Werkverzeichnis der Gemälde ihres Vaters (Gerbert Frodl / Leonore Boeckl: Herbert Boeckl, Residenz Verlag 1976), das bis heute als unentbehrliches Standardwerk gilt.
Einem breiten Publikum wurde sie durch ihre Arbeit in der legendären Galerie auf der Stubenbastei in Wien bekannt. Von 1964 bis 1992 leitete sie dort das operative Geschäft. Sie organisierte maßgebliche Einzelausstellungen für herausragende Vertreter der österreichischen Nachkriegs-Avantgarde – darunter Josef Mikl, Josef Pillhofer, Adolf Frohner sowie Drago Julius Prelog – und galt über Jahrzehnte als geschätztes Bindeglied zwischen Künstlern, Sammlern und Museen. Für ihre bedeutenden Verdienste um die Kunstvermittlung wurde ihr später der Berufstitel Professor verliehen.
1977 verfasste Leonore gemeinsam mit ihren Schwestern Martina und Maria ein Grafik-Verzeichnis. Diese 636 Positionen umfassende Bestandsaufnahme bildet die Grundlage für eine Erfassung des grafischen Schaffens von Herbert Boeckl.
Ihr Lebensmittelpunkt lag über Jahrzehnte in der geschichtsträchtigen Wohnung in der Köstlergasse 1 in Wien-Mariahilf. Die unverheiratete Kunsthistorikerin zeichnete sich neben ihrer beruflichen Arbeit durch ein tiefes Pflichtbewusstsein im familiären Kreis aus: In der gemeinsamen Wohnung betreute sie über viele Jahre hinweg liebevoll ihre Mutter Maria Boeckl bis zu deren Tod im Jahr 1992.
Leonore Boeckl verwaltete das umfangreiche Boeckl-Archiv verantwortungsbewusst und minutiös geordnet. Von der Köstlergasse aus blieb Leonore bis ins hohe Alter eine gefragte Expertin und großzügige Leihgeberin für Museen im In- und Ausland. Sie hinterlässt ein bleibendes Erbe in der Dokumentation der österreichischen Kunstgeschichte.